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["Notizen aus dem schwarzen Loch"]
 
 
Notizen 337
 
COVID-19: Was einzelne Länder dagegen tun
 
Wir sind mitten in einer weltweiten Krise. Haben wir zu wenig getan? Was geschah und geschieht in anderen Ländern?
 
Um eine Krise dieser Art politisch erfolgreich zu bewältigen - so hat sich bisher gezeigt - braucht es folgende Fähigkeiten eines Landes:
(1) medizinisch-technische Voraussetzungen (Krankenhäuser, Material, Apparate, Medikamente, Pflegepersonal, Zugang der Bevölkerung zu Tests und medizinischer Behandlung)
(2) rasch durchsetzbare Maßnahmen (Anordnung von Quarantäne oder Schließungen, Überwachung der Durchführung dieser Maßnahmen, Requirierung von notwenigen Versorgungsmitteln, kurze Entscheidungs- und Befehlsketten)
(3) eine gute Informationspolitik (wieviele Erkrankte und Verstorbene, besondere Krankheitsherde, besondere Gefährdungen mancher Bürger, Begründung der Maßnahmen)
(4) politische Führung, um der Bevölkerung das Gefühl zu geben, die Regierung (a) nimmt die Bedrohung ernst, (b) ergreift notwendige Maßnahmen, (c) sorgt für diejenigen, die besonders betroffen sind
(5) Mitarbeit der Bevölkerung.
Fangen wir mit dem Ursprungsland der ganzen Misere an, mit China. In der Stadt Wuhan in der Provinz Wuhei entdeckte der junge Arzt Li Wenliang die Ursache einer neuen, tödlichen Lungenkrankheit. Er hatte den Mut, die Informationen weiterzugeben, mit üblen Folgen für ihn und für die ganze Menschheit. Die Polizei verbot ihm, weiter darüber zu berichten. Er musste unterschreiben, nichts mehr zu sagen. Einen Monat später war er tot - an der Krankheit verstorben, die er rechtzeitig melden wollte. Punkt (3) also: null. Keine Informationspolitik, wie es einem autoritären Regime zusteht, auch nicht gegenüber der Weltgesundheitsorganisation, der gegenüber eine Übertragung von Mensch zu Mensch erst mal geleugnet wurde.
Ohne Informationspolitik, ohne Freiheit der Information kann auch niemand von der Bevölkerung erwarten, dass sie mitmacht, selbst wenn sie will. Eine der Partei nicht genehme Information gemeldet, schon gibt's Besuch von der Polizei und Ausschaltung der Person. Dagegen funktionierten die Punkte (1), (2) und (4) so leidlich. Die Regierung in Peking tat das, was sie schon immer am besten konnte: die Leute einsperren und überwachen. Das ging schnell und war in diesem Fall tatsächlich wirkungsvoll. Krankenhäuser wurden hochgezogen, die Bevölkerung hatte das Gefühl, der Große Bruder beschütze sie.
Die heimlichen Bewunderer des "chinesischen Wegs" sagten: Seht ihr, nur ein autoritäres Regime kann in Zeiten der Not Erfolg haben. Das wussten schon die alten Römer, als sie den politischen Posten des "Diktators" errichteten. Da durften bei einer Staatskrise zwei Männer sechs Monate lang tun und lassen, was sie für richtig hielten. Zweimal hat die Sache leidlich funktioniert, wenn auch mit üblen Nebenfolgen. Beim dritten Mal aber hatte der Diktator sein politisches Mandat eigenmächtig auf Lebenszeit verlängert. Dafür wurde er dann mit 23 Dolchstichen zu Boden gebracht. Doch das nur nebenbei.
Zurück zu China und einem Land, das aus chinesischer Sicht nur ein Teil von China ist: Taiwan. Dort wird demokratisch regiert, und obwohl das Land dank der Bemühungen des Großen Bruders China von der Weltgesundheitsorganisation ausgeschlossen ist und demgemäß auch nicht offiziell von der Pandemie informiert wurde, handelte die Regierung umsichtig und erfolgreich. Sie schuf das "Central Epidemic Command Center" (CECC) und informierte fast täglich die Bevölkerung über den Verlauf der Epidemie, über die Verfügbarkeit von Masken und anderen überlebensnotwendigen Dingen, über die sich jeder verantwortungsbewusste Bürger Gedanken macht. Darüber hinaus nutzten zahlreiche Politiker ihre privaten Internet-Accounts (Facebook, YouTube und andere) zur Information ihrer Nutzer. Im Internet gab es in Echtzeit-Auskunft darüber, wo beispielsweise Masken käuflich waren. Zudem wurden die Grenzen zu China früh geschlossen. Vor allem: Der Regierung gelang es, die Bevölkerung zur Mitarbeit zu motivieren und einen erstaunlich hohen Konsens zwischen Politik und Bürgern herzustellen.
Fazit: Punkt (1) bis (5) bestens erfüllt, Belohnung dafür: viel weniger CoVid-Fälle als in der angrenzenden Diktatur oder in anderen Nachbarstaaten.
Obwohl das politische System der USA dem der Chinesen diametral entgegengesetzt ist, haben die Amerikaner die gleichen Probleme, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Hauptgründe für die ungehemmte Ausbreitung der Seuche in Amerika sind das Nichtvorhandensein von Punkt (1) und (4). Trump war nie Politiker, und seine Methode der Konfrontation funktioniert hier nicht. Da ihn das gemeine Volk nie interessiert hat, weiß er auch nicht, was zu tun ist - außer den anderen (Chinesen, Mittelamerikaner, Europäer) die Schuld zu geben. Auch er tat, was er immer tut, was er also kann: anderen die Schuld geben und die Grenzen dicht machen. Tests? Gerne, wer dafür zahlt. Die Krankenversicherungen tun das jedenfalls nicht. Tests für Nicht-Versicherte (ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung)? Aber nein, wo kämen wir da hin, das riecht nach Sozialismus! Krankenhäuser zur Betreuung der Infizierten? Sicher, wenn sie dafür zahlen. Wer sich's nicht leisten kann - schon mal was vom "Überleben der Tüchtigsten" gehört? Und so wird sich aus völlig anderen Gründen als in China, das Virus in den USA weiter verbreiten.
Aber wir Europäer brauchen weder selbstgefällig noch stolz auf unsere Nicht-Taten zu sein. Dass es in Italien mehr CoVid-Tote gibt als in anderen Ländern, kann ein statistisches Artefakt sein. In Italien werden nur schwere Fälle getestet, was das Verhältnis "infiziert" zu "gestorben" zugunsten der zweiten Kategorie verschiebt. Allerdings haben die romanischen Länder Italien, Frankreich und Spanien ein Problem: Die Menschen dort sind zu freundlich, zu nett zueinander. Sie sind zu gesellig. Deswegen sehen sie nicht ein, einander zu meiden und plötzlich einsam, isoliert, womöglich schweigsam zu leben oder gar so muffig zu werden wie die von ihnen verachteten Deutschen. Also zogen sie weiterhin fröhlich miteinander durch die Lande. Deswegen sind die Vorschriften und Verordnungen (Hausarrest!) in diesen Ländern auch so hart. Anders geht's offenbar nicht, die Menschen auseinander zu bringen.
Auch Österreich, von manchen als Vorbild betrachtet, hat erst mal nicht reagiert, als der Infektionsherd in Ischgl in Tirol schon längst bekannt war. Der Barkeeper steckt doch niemand an, mit ihm (und den anderen Gästen) zu plaudern ist völlig unbedenklich, wie Bundeskanzler Kurz noch vor kurzem verkündete. Als dann die Lange bedrohlich wurde und die Augen nicht mehr verschlossen werden konnten, wurde auch gehandelt, relativ zügig. Jetzt gibt es dort auch fast täglich Informationen durch den Kanzler. Punkt (3) und (4) erfüllt, (5) steht noch aus.
Und Deutschland? Man entschuldigt das verzögerte Handeln mit der Föderalstruktur des Landes. Doch das ist Unsinn. Als der Gesundheitsminister, nach längerer Schlafperiode, dann doch erwachte und ein paar Wünsche äußerte, folgten fast alle Staaten ziemlich schnell. Allerdings preschten da auch einige Länder vor, allen voran Bayern, wo der Ministerpräsident sich endlich als guter Führer darstellen konnte, der er in dieser Situation auch wirklich war. Andere
konnten dann nicht mehr hintanstehen und machten mit.
Aber eigentlich heißt die Kanzlerperson in Deutschland nicht Söder, sondern Merkel. Und was tat die? Nach langem Winterschlaf trat sie dann doch vor die Mikrophone und sagte wörtlich: "Wir haben ja die Eigenschaft, dass oft mehr über negative als über positive Vorfälle berichtet wird. Und es gibt viele, viele positive Erfahrungen, und die werden wir auch hervorheben, und die werden wir stärken, und ich finde, den Beitrag, den der Staat und die Akteure des Staates leisten können, unter anderem auch die Politiker, ist, dass wir das Notwendige tun, dass wir es schnell tun, dass wir es besonnen tun, dass wir entschlossen sind." Großartig. Punkt (4) (Führung): eine sechs, das ist die schlechteste Note in Deutschland.
Die anderen Punkte sind gut erfüllt, und auch die Bevölkerung scheint diszipliniert zu sein. Allerdings gibt es in unserer kleinen Tango-Szene noch genügend Leute, die sagen: Mir geht's gut, ich überstehe alles, die anderen sollen für sich selber sorgen. So hat ein Veranstalter sogar vor kurzem eine Tango-Party öffentlich ausgelobt, bei der die Teilnehmer einander noch näher kommen als beim klassischen Tango, wobei sie zudem nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. Aber die meisten stellen zumindest Fragen, sagen ihre Kurse und Veranstaltungen ab (obwohl das manchen die Existenz kosten kann) und haben begriffen, dass es hier nicht allein um das Wohlbefinden des Einzelnen geht, sondern um die Eindämmung einer Seuche, die uns nach Meinung von Fachleuten vermutlich für immer erhalten bleiben wird.


 
 
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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.
 
 
 
 
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